0 6 Minuten

Kanzler Merz fordert eine Stärkung der NATO in Europa und warnt vor äußerem Druck

Geschrieben von Frode Skar, Finanzjournalist.

Hintergrund

Bundeskanzler Friedrich Merz hat im Deutschen Bundestag eine umfassende Regierungserklärung zur außenpolitischen Lage abgegeben. Er zeichnete das Bild einer Welt im rasanten Wandel, in der geopolitische Spannungen, wirtschaftlicher Druck und sicherheitspolitische Risiken deutlich zunehmen.

Nach Einschätzung von Merz steht Europa am Beginn einer neuen Phase der internationalen Ordnung. Der Krieg in der Ukraine, wachsende Handelskonflikte und eine zunehmende Unberechenbarkeit globaler Machtzentren zwingen Europa dazu, seine Rolle neu zu definieren und mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen.

Was gesagt wurde

Merz machte deutlich, dass es sich bei den aktuellen Veränderungen nicht um kurzfristige Schwankungen handelt, sondern um eine strukturelle Verschiebung der globalen Machtverhältnisse. Eine Welt der Großmächte entstehe erneut, in der Machtpolitik und Druckmittel stärker zum Einsatz kämen und die regelbasierte internationale Ordnung unter Druck gerate.

Gleichzeitig betonte er, dass Europa weiterhin über erhebliche Stärken verfüge – wirtschaftlich, institutionell und wertebasiert. Um diese Stärken zu bewahren, müsse Europa lernen, selbstbewusster aufzutreten und im Zweifel auch die „Sprache der Machtpolitik“ zu sprechen.

Verteidigung, NATO und europäische Verantwortung

Ein zentraler Schwerpunkt der Rede lag auf der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Merz forderte, dass Europa seine Sicherheit stärker selbst in die Hand nehmen müsse. Er verwies dabei auf die Entscheidung Deutschlands, die Verteidigungsausgaben auf bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen.

Trotz dieser stärkeren Eigenverantwortung stellte Merz klar, dass die NATO weiterhin das Fundament der europäischen Sicherheit bleibe. Das transatlantische Bündnis sei nach wie vor von zentraler Bedeutung, müsse jedoch aus Europa heraus gestärkt werden. Europa solle als gleichberechtigter Partner auftreten, nicht als abhängiger Akteur.

Wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit als Machtfaktor

Neben der Sicherheit spielte die Wirtschaft eine zentrale Rolle in der Analyse des Kanzlers. Merz wies darauf hin, dass die Europäische Union seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und China verliere. Diese Entwicklung schwäche nicht nur den Wohlstand, sondern auch den geopolitischen Einfluss Europas.

Er forderte tiefgreifende Reformen innerhalb der EU, darunter den Abbau bürokratischer Hürden, die Vollendung des Binnenmarktes und eine stärkere Förderung von Innovation und Investitionen. Berichte von Enrico Letta und Mario Draghi wurden als Leitlinien genannt, um Europas wirtschaftliche Stärke wiederherzustellen.

Handel, Zölle und globale Wirtschaftsordnung

Merz sprach sich deutlich gegen den Einsatz von Zöllen als politisches Druckmittel aus. Europa müsse jedoch bereit sein, geschlossen zu reagieren, wenn wirtschaftlicher Druck von außen ausgeübt werde.

Gleichzeitig verteidigte er den freien und regelbasierten Welthandel. Die Welthandelsorganisation bleibe trotz aller Herausforderungen ein zentraler Pfeiler der globalen Wirtschaftsordnung. Neue Handelsabkommen, etwa mit Indien, seien notwendig, um Europas wirtschaftliche Resilienz zu stärken und neue Wachstumsmärkte zu erschließen.

Ukraine und Glaubwürdigkeit von Bündnissen

Ein weiterer wichtiger Punkt der Rede war die Verteidigung früherer NATO-Einsätze, insbesondere in Afghanistan. Merz wandte sich entschieden gegen Versuche, den Einsatz europäischer Soldaten nachträglich abzuwerten oder zu relativieren.

Für ihn ist dies eine Frage der Bündnisglaubwürdigkeit: Internationale Partnerschaften basieren auf Vertrauen und Verlässlichkeit. Wer frühere Opfer und Verpflichtungen infrage stelle, gefährde die Stabilität bestehender Allianzen.

Innenpolitische Kritik und Spannungen

Die Regierungserklärung stieß auf scharfe Kritik aus Teilen der Opposition, insbesondere von der AfD. Diese warf der Bundesregierung wirtschaftspolitisches Versagen, steigende Steuerlasten und einen wachsenden Staatsapparat vor.

Diese innenpolitischen Spannungen sind auch für Märkte und Investoren relevant. Die Fähigkeit der Regierung, Reformen tatsächlich umzusetzen, wird entscheidend dafür sein, ob Deutschland seine wirtschaftliche Dynamik zurückgewinnen und seine strategische Position stärken kann.

Analyse: Europa zwischen Werten und Machtpolitik

Die Rede von Merz signalisiert einen selbstbewussteren europäischen Kurs. Die zentrale Botschaft lautet, dass Werte allein in einer zunehmend machtpolitisch geprägten Welt nicht ausreichen. Europa müsse seine Interessen klar definieren und verteidigen, ohne dabei die eigene wertebasierte Identität aufzugeben.

Die größte Herausforderung liegt in der Umsetzung. Höhere Verteidigungsausgaben, wirtschaftliche Reformen und soziale Stabilität müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Gelingt dies nicht, drohen politische Widerstände im Inneren, die den außenpolitischen Handlungsspielraum einschränken.

Was das für die Zukunft bedeutet

Sollte sich der von Merz skizzierte Kurs durchsetzen, könnte Europa mittelfristig an strategischer Autonomie gewinnen – militärisch wie wirtschaftlich. Für die NATO würde dies eine stärkere europäische Säule bedeuten und langfristig mehr Stabilität innerhalb des Bündnisses schaffen.

Für Unternehmen und Investoren eröffnet ein geeinteres und wettbewerbsfähigeres Europa neue Chancen. Ob diese Perspektive Realität wird, hängt jedoch davon ab, ob den politischen Ankündigungen konkrete und nachhaltige Reformen folgen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert