Indien–EU-Handelsabkommen verändert den globalen Handel nach 20 Jahren Verhandlungen

Geschrieben von Frode Skar, Finanzjournalist.
Indien und die Europäische Union haben nach mehr als zwanzig Jahren intensiver Verhandlungen ein umfassendes Handelsabkommen geschlossen. Das Abkommen bringt zwei der größten Volkswirtschaften der Welt in einer strategischen Partnerschaft zusammen und hat weitreichende Auswirkungen auf Handel, Investitionen und wirtschaftliche Sicherheit.
Ein historischer Durchbruch nach jahrzehntelangen Gesprächen
Lange Zeit galten Indiens hohe Zölle und protektionistische Maßnahmen als zentrales Hindernis. Mit dem neuen Abkommen verpflichten sich beide Seiten, Zölle auf den Großteil der gehandelten Waren deutlich zu senken oder vollständig abzuschaffen.
Nach Angaben der EU-Kommission werden über 96 % der EU-Warenexporte nach Indien von Zollsenkungen oder vollständiger Zollfreiheit profitieren – ein bislang einmaliger Marktzugang.
Umfassende Zollsenkungen in Schlüsselindustrien
Besonders bedeutend sind die Änderungen im Automobilsektor: Einfuhrzölle von bis zu 110 % sollen schrittweise auf rund 10 % reduziert werden. Im Agrarsektor sinken Zölle auf Wein von 150 % zunächst auf 75 % und später auf 20 %.
Für Olivenöl werden die Zölle innerhalb von fünf Jahren vollständig abgeschafft. Insgesamt könnten EU-Exporteure jährlich rund vier Milliarden Euro an Zollkosten einsparen.
Zwei Wirtschaftsmächte mit starkem Wachstumspotenzial
Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und zählt zu den am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 3,4 Billionen US-Dollar und einem Wachstum von rund 7,4 % im Jahr 2025 bietet das Land enorme Marktchancen.
Derzeit ist Indien der neuntgrößte Handelspartner der EU. Der Warenhandel zwischen beiden Seiten ist in den letzten zehn Jahren bereits um etwa 90 % gewachsen.
Vorteile für die indische Wirtschaft
Für Indien eröffnet das Abkommen einen verbesserten Zugang zum europäischen Markt, insbesondere für die Pharma-, Textil- und Chemieindustrie. Studien zufolge könnten die indischen Exporte in die EU bis 2031 um bis zu 50 Milliarden Euro steigen.
Mehr als 92 % der indischen Zollpositionen gegenüber der EU werden reduziert oder abgeschafft, während die EU Schutzmaßnahmen für sensible Branchen beibehält.
Strategische Antwort auf globale Unsicherheit
Das Abkommen kommt in einer Phase zunehmender globaler Handelskonflikte und protektionistischer Tendenzen zustande. Für Indien und die EU stellt es einen strategischen Schritt dar, Handelsbeziehungen zu diversifizieren und externe Risiken zu verringern.
Mehr als Handel: ein politisches Signal
Über wirtschaftliche Vorteile hinaus sendet das Indien–EU-Abkommen ein klares politisches Signal zugunsten regelbasierter internationaler Zusammenarbeit. In einer fragmentierten Weltwirtschaft positionieren sich beide Seiten als Befürworter von Offenheit, Stabilität und langfristigem Wachstum.
