Geschrieben von Frode Skar, Finanzjournalist.
Mark Yusko warnt: Trump könnte 2026 erneut einen Bitcoin-Schock auslösen

Märkte bewerten Politik über Liquidität – und Liquidität über Preise
Bitcoin startet ins Jahr 2026 mit einer wachsenden Kluft zwischen Erzählung und Mechanik. Die Schlagzeilen drehen sich um Politik, Regulierung und Persönlichkeiten. Die Kursbewegungen spiegeln jedoch zunehmend Liquiditätsbedingungen, Derivate-Positionierungen und Marktregeln wider. In einer vielbeachteten Diskussion mit dem Investor Mark Yusko lautet die zentrale These nicht, dass ein Präsident Bitcoin direkt steuern kann, sondern dass politische Entscheidungen das Umfeld so verändern können, dass ein weiterer Schock wahrscheinlicher wird.
Yuskos Argumentation basiert auf Anreizen und Machtstrukturen. Pro-Krypto-Rhetorik kann mit Politik koexistieren, die auf Kontrolle, Zentralisierung und die Sicherung der Dollar-Dominanz abzielt. Für Bitcoin zeigt sich der praktische Effekt über Liquidität, Risikobereitschaft und Marktinfrastruktur. Entscheidend ist daher nicht, ob der Markt einen Präsidenten „mag“, sondern ob politische Entscheidungen die Wahrscheinlichkeit von Zwangsverkäufen, Volatilitätsspitzen und abrupten Positionswechseln erhöhen.
Volatilität als Warnsignal für dünne Liquidität
Yusko beschreibt ein bekanntes Muster: Ein starker Kursrutsch wird von einer Phase scheinbarer Stabilisierung gefolgt. Viele Marktteilnehmer interpretieren diese Ruhe als Bodenbildung. Kurz darauf folgt jedoch der nächste Einbruch. Der Punkt ist nicht, dass sich dieses Muster zwangsläufig wiederholen muss, sondern dass fragile Liquidität trügerische Ruhephasen erzeugen kann. Wenn Bitcoin sich innerhalb weniger Minuten um mehrere tausend Dollar bewegt, stellt sich eine einfache Frage: Wer stellt die Tiefe im Orderbuch, wenn der marginale Käufer verschwindet?
Er verknüpft das Kryptogeschehen zudem mit den traditionellen Märkten. Wenn große Aktien an einem Tag um zehn bis zwanzig Prozent einbrechen, ist das kein reines Kryptophänomen, sondern Ausdruck eines allgemeinen Risiko-Regimewechsels. In solchen Phasen verhält sich Bitcoin eher wie ein Hochrisiko-Asset als wie ein sicherer Hafen. Kapital, das Volatilität meidet, zieht sich häufig zuerst aus den volatilsten Segmenten zurück.
Ein 2026-Szenario, in dem der Konsens bereits eingepreist ist
Yuskos Ansatz besteht darin, den Marktkonsens zu identifizieren und dann zu prüfen, was passiert, wenn das Gegenteil eintritt. Wenn alle dasselbe erwarten, ist dieses Szenario meist bereits in den Bewertungen enthalten. Die Überraschung liegt im Nicht-Eingepreisten.
Für 2026 sieht er einen Konsens, wonach US-Aktien gut abschneiden und vor allem große Technologieunternehmen mit KI-Bezug outperformen. Eine mögliche Überraschung wäre das Gegenteil. Klassische Softwarewerte stehen unter Druck, da Investoren befürchten, dass neue KI-Tools und Workflows den Bedarf an Abonnement-Software reduzieren. Gleichzeitig könnten die größten KI-Gewinner bereits sehr optimistische Annahmen widerspiegeln.
Für Bitcoin ist das relevant, weil Liquidität und Risikobereitschaft marktübergreifend wirken. Wenn die Führung in den Aktienmärkten bröckelt, steigen Korrelationen oft zum ungünstigsten Zeitpunkt. Rotiert Kapital aus überfüllten Trades, kann derselbe Prozess auch Krypto belasten – insbesondere bei hoher Hebelwirkung und schwacher Spot-Nachfrage.
KI-Infrastruktur als Engpass – und als Analogie für Krypto
Yusko weist auf ein Thema hin, das über Krypto hinausgeht. In der KI ist der Engpass nicht nur Rechenleistung, sondern Speicherbandbreite, Datenspeicherung und Datenbewegung. Mit zunehmender Skalierung verschieben sich die Flaschenhälse. Davon profitieren oft unscheinbare Infrastruktursegmente stärker als die bekannten Namen.
Die Analogie zu Bitcoin ist strukturell. Trader fokussieren sich häufig auf Narrative, Wahlen und Schlagzeilen. Der Markt wird jedoch oft von der weniger sichtbaren Ebene bestimmt: Derivate-Positionierung, Liquidationsrisiken, Börsenliquidität, Stablecoin-Infrastruktur und Verwahrungsregeln. Wird die Marktstruktur selbst zum Engpass, können sich Ergebnisse deutlich von der Erzählung lösen.
Der 3-Jahre-11-Monate-Zyklus und eine langsame Bodenbildung
Ein zentrales Element in Yuskos Denken ist ein Zyklus von rund drei Jahren und elf Monaten, der an die Blockproduktion und Halvings gekoppelt ist. Halvings verändern die Ökonomie der Miner, den Angebotsfluss und spekulative Anreize. Gleichzeitig spiegeln sie menschliches Verhalten wider: Momentum zieht Hebel an, Hebel erzeugt Volatilität, Volatilität bereinigt Übertreibungen.
Er widerspricht der These, der Zyklus sei tot, nur weil Institutionen beteiligt sind. Institutionelle Präsenz kann wachsen, während Volatilität bestehen bleibt, wenn Derivate dominieren. ETFs garantieren keine dauerhafte Preisstützung, insbesondere wenn sie mit marktneutralen Strategien kombiniert werden.
In diesem Rahmen kann der Markt länger seitwärts oder abwärts tendieren, als viele erwarten. Ein Boden ist kein Datum, sondern ein Zustand: Zwangsverkäufe lassen nach, Liquidität kehrt zurück und langfristige Käufer sind bereit, Angebot aufzunehmen.
Derivate dominieren zunehmend die Preisfindung
Yusko betont, dass die Preisfindung bei Bitcoin immer stärker durch Futures und andere Derivate geprägt wird. Dadurch kann das „Papier-Angebot“ deutlich größer sein als der tatsächliche Spot-Handel. Das hat zwei Folgen. Erstens erzeugt gemeldetes institutionelles Interesse nicht zwangsläufig Aufwärtsdruck, wenn Positionen gleichzeitig abgesichert werden. Zweitens sind derivative Märkte anfälliger für abrupte Liquidationen, die mechanisch ablaufen und starke Kursbewegungen verursachen.
Parallelen zu klassischen Rohstoffmärkten zeigen, dass synthetisches Angebot Preise lange dämpfen kann, bis ein Short Squeeze einsetzt. Für Investoren bedeutet das: Spot-Flows allein reichen nicht aus, um das Volatilitätsrisiko zu verstehen.
Regulierung, Stablecoins und Dollar-Dominanz
Yuskos politische Analyse dreht sich um Anreize. Wenn monetäre Dominanz als strategisch betrachtet wird, kann Regulierung so gestaltet sein, dass sie den Dollar schützt. Pro-Krypto-Signale können mit Regeln einhergehen, die Aktivität zentralisieren und durch wenige regulierte Schnittstellen lenken.
Stablecoins sind dabei entscheidend, weil sie als Liquiditätsadern des Kryptomarktes fungieren. Bevorzugt die Politik nur wenige Emittenten oder schränkt Selbstverwahrung ein, wird der Markt kontrollierbarer – aber auch anfälliger für Eingriffe in Stressphasen. Das verändert den Charakter von Krypto grundlegend.
Warum institutionelles „Dip-Buying“ ausbleiben kann
Ein wiederkehrendes Phänomen ist das Ausbleiben aggressiver Käufe in starken Abwärtsphasen. Laut Yusko liegt das an regelbasierten Strategien, Absicherungen und der Vorsicht vieler großer Akteure. Solange Leverage abgebaut wird, ist frühes Eingreifen riskant. Erst wenn Liquidationen weitgehend abgeschlossen sind, entsteht Raum für nachhaltige Käufe.
Positionierung für 2026: Struktur zählt
Yuskos Kernbotschaft lautet, dass Bitcoin trotz zunehmender Automatisierung ein menschlicher Markt bleibt. Die Kombination aus menschlicher Psychologie und mechanisierten Derivatemärkten kann Zyklen erhalten, sie aber schärfer und unberechenbarer machen. Das Risiko für 2026 liegt weniger in einzelnen Schlagzeilen als in einem Umfeld, das Zentralisierung begünstigt und die Widerstandsfähigkeit der Marktinfrastruktur schwächt.
Fazit: Politik beeinflusst Bitcoin über Regeln und Liquidität
Die Aussage, Trump könne Bitcoin erneut crashen lassen, ist als Struktur-Argument zu verstehen, nicht als persönliche Zuschreibung. Politische Entscheidungen formen Regulierung, Verwahrung und Stablecoin-Infrastruktur. Diese Faktoren bestimmen Liquidität – und Liquidität setzt die Grenzen der Preisbewegung.
Bleiben Unsicherheit und Risikoaversion 2026 hoch, dürfte Bitcoin empfindlich auf Stimmungswechsel reagieren. Werden Märkte stärker zentralisiert und derivatelastig, steigt die Gefahr abrupter Verwerfungen. Für Anleger heißt das: Das Risiko bei Bitcoin ist nicht nur der Preis, sondern die Marktstruktur dahinter.
